Die Schattenkrieger

Prolog

Er war allein.

Noch nie war er so weit aus den Bergen abgestiegen, aber die Not ließ ihm keine andere Wahl. Längst hatte er aufgehört die Stunden zu zählen und unter den sturmgrauen Wolken im dichten Schneetreiben war die Sonne sowieso nicht zu sehen. Nur vereinzelt stemmten sich tote Bäume gegen den eisigen Wind, wie alte Knochen ragten Felsen aus dem Schnee. Hinter einem der größeren Felsen hatte er Schutz vor den tastenden Fingern des Windes gesucht und wartete nun geduldig auf seine Beute. Tagelang hatte er nach der besten Stelle für die Jagd gesucht und war genau hier fündig geworden. Ganz in der Nähe befand sich in einer Mulde eine Wasserquelle. Hier trat das Wasser heiß dampfend aus dem nackten Felsen hervor und hatte dafür gesorgt, dass die Stelle eisfrei war.

Waren Stunden vergangen oder Tage? Er wusste es nicht mehr. Jetzt war es aber endlich soweit: sie kamen. Noch immer fiel der Schnee ohne Unterlass und seine Beute war so gut wie nicht sichtbar. Langsam trotteten sie gegen den Wind ankämpfend in Richtung der Quelle. Seine Jagdinstinkte waren geweckt und er beruhigte seine Atmung, konzentrierte sich – und hüllte sich in den Schatten. Sobald die Gruppe sein Versteck passiert hatte griff er an. Sein Steinmesser wurde zum Teil seines Körpers und die Beute hatte keine Chance. Innerhalb weniger Sekunden war es vorbei. Sofort machte er sich daran das Fleisch von den Knochen zu lösen und für den Transport zu verstauen. Mit Bedauern sah er das kostbare, warme Blut pulsierend im Schnee versickern. Nachdem das Fleisch verpackt war brach er die übrig gebliebenen Kochen und saugte genüsslich das Mark heraus. Ohne die Überreste seiner Beute zu verscharren brach er auf, um auf die heimatliche Hochebene im unzugänglichsten Teil der Berge zurückzukehren. Der Schnee legte sich bereits wie ein Leichentuch über die Stelle des Kampfes und schon bald würde nichts mehr zu sehen sein.

Heute würden irgendwo ein paar Familien vergeblich auf die Rückkehr der Väter oder Söhne warten …

[Kapitel 1] Eiswind

Schroff und abweisend erhoben sich die Berge hoch über weißen Ebenen, die eisbedeckten Gipfel verschwanden in den Wolken. Der ewige Wind und der Schnee hatten dafür gesorgt, dass kaum Pflanzen auf dem schwarzen Fels überleben konnten. Nur vereinzelt waren niedrige Büsche zu sehen, ansonsten gab es nur Moos und Flechten, auch Tiere waren selten anzutreffen. Nur die Raben kreisten ewig im tosenden Wind an den Steilhängen und hatten den Bergen ihren Namen gegeben: “Rabenheim”.

Inmitten der westlichen Ausläufer der Berge befand sich eine Hochebene, die nur über verschlungene, längst vergessene Pfade zu erreichen war. Geschützt von den umliegenden Gipfeln war diese Ebene in den Sommermonaten in einigen Teilen frei von Eis und Schnee. In der Mitte lag ein großer See, der, von heißen Quellen gespeist, das ganze Jahr über zugänglich war. Hier lebte der Stamm der Halda. Einst hatten sie die ganze Hochebene bevölkert, aber im Lauf der Jahre waren es immer weniger Menschen geworden, sodass sich die letzten Ansammlungen von windschiefen Holzhütten mittlerweile nur noch rund um den See befanden. Um die Siedlungen herum hatten die Halda, auch aufgrund der Nähe zum warmen Wasser, dem kargen Boden in mühsamer Arbeit Anbaufläche für ein wenig Nahrung abgetrotzt. Doch das Überleben war immer schwieriger geworden und so war es nicht zu leugnen: der Stamm lag im Sterben.

Tief im Herzen des heiligen Berges am nördlichen Ende der Hochebene lag die Höhle des Flüsterns. Die Höhle war so gewaltig, dass sich Wände und Decke in tiefen Schatten verloren und niemand jemals das wahre Ausmaß erkundet hatte. Über viele Jahrhunderte waren die Halda hierher gekommen um ihre Toten zu bestatten und mit den Verstorbenen zu sprechen. Aber so wie die Körper der Vorfahren zu Staub zerfallen waren, so war auch die Erinnerung an diesen Brauch langsam verblasst. Heute traute sich niemand hinab in die dunklen Tiefen. Fast niemand mehr …

Nachdem er sich von der Gesellschaft der anderen Menschen zurückgezogen hatte, war diese Höhle die Heimstatt des Jägers geworden. Dies war für ihn ein Ort der inneren Einkehr, Inspiration und Einsamkeit. Immerhin war der Jäger einer der Diener der großen Vorfahren und Beschützer der Tore zur Ewigkeit. Diese Aufgabe war eine große Bürde und brachte viel Entbehrung mit sich, wobei die schwerste wohl die Entfremdung von seinen Stammesbrüdern- und schwestern war. Allerdings war er sich auch der Tatsache bewusst, dass nur ganz wenige Männer in der Geschichte der Halda diese Ehre erfahren hatten.

Ruhig atmete er ein uns aus, löste den Geist von seinen irdischen Fesseln und versank im Nichts. Für ihn vergingen Äonen, Ewigkeiten wurden geboren und starben und er fürchtete den Weg zurück nicht mehr finden zu können. Plötzlich wurde er sich der Gegenwart fremder Präsenzen in seinem Kopf bewusst. Sie formten Bilder wie Gedanken, fremdartig und doch vertraut. Nur mühsam gelang es ihm, sich nicht in diesem Ozean mannigfaltiger Eindrücken zu verlieren.

“Du bist gekommen, Ada’ar.”

Schon lange hatte ihn niemand mehr mit seinem Namen angesprochen. Für den Stamm war er nur noch “der Jäger”. “Ich habe euren Ruf vernommen. Wie kann ich Euch dienen?”

“Das Warten ist vorbei, die Zeit der Schattenjäger ist gekommen. Versammle deine Brüder um dich und macht euch bereit euren Auftrag zu erfüllen.”

“Was ist Euer Befehl?”

“Wir haben die Jäger viele Jahre vorbereitet, nun sollt ihr unser Werkzeug sein. Steigt hinab in die Ebene und vernichtet die Feinde unseres Volkes. Die Tages des Zorns sind gekommen, es soll euch niemand widerstehen.”

“Niemand wird uns widerstehen! Wie ein eisiger Wind werden wir von den Bergen in die Täler kommen.”

“Dann geh! Deine Brüder warten.”

Schlagartig zerfaserten die Bilder in seinem Kopf und die Welt um ihn herum nahm wieder Gestalt an. Ohne Zeit zu verlieren machte er sich auf den Weg zum Kreis der Jäger, denn endlich war die Stunde der Schattenkrieger gekommen.

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Vom Herzen des Berges war Ada’ar in die windigen Höhen zum Kreis der Jäger aufgestiegen. Umschlossen von dichtem Nebel, befand sich auf dem Gipfel ein uralter Steinkreis. Vier Männer hatten sich hier im blassen Schein der schwelenden Glut versammelt und warteten auf ihn. Die Glut warf nur einen fahlen Schein auf die Gesichter: schwarz und weiß, wie die Farbe des toten Mondes in sternenloser Nacht. Endlich durchbrach der Jäger das Schweigen:

“Die Vorfahren haben uns gerufen. Es ist an der Zeit unseren Auftrag zu erfüllen.”

“Auch wir wurden gerufen.”

“Dann sprecht mit mir den Eid der Schattenkrieger:

Wir sind die Schattenkrieger,
Kreaturen der Nacht,
Wir werden niemals Ruhe finden,
denn Blut ist unser Leben!

Immer und immer wieder wiederholten die Männer diesen Schwur, bis sich ihre grausamen Stimmen im Dunkel der Nacht verloren. Bald, sehr bald, würde der Eiswind in die Täler wehen …

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[Kapitel 2] Feuer am nördlichen Himmel

“Willst du die zwei jetzt haben oder nicht?”

Egill seufzte tief. Was sollte er nur machen? Eigentlich konnte er die beiden stämmigen Hausyak schon gut gebrauchen. Auf jeden Fall sahen sie deutlich besser genährt aus als seine Tiere. Andererseits würde er Probleme haben, auch diese beiden noch durchzufüttern. Und an die sicher anstehenden Diskussion mit seiner Frau wollte er am liebsten gar nicht denken.

“Ich weiß nicht, Gesta. Ich glaube, dass ich mir die beiden leisten kann.”

“Komm Egill, ich mache dir einen guten Preis. Ich kann sie nicht mitnehmen und du hast doch wirklich noch genug Platz in deinem Stall.”.

Gesta ließ nicht locker. Auch er war einer derjenigen, die Skogenhem in den nächsten Tagen verlassen würden. In der letzten Zeit waren schon einige Menschen zu Fuß oder auf einfachen Wagen in Richtung der Hauptstadt Ruun aufgebrochen. Zunächst hatten nur hinter vorgehaltener Hand weitergegebene Gerüchte die Runde gemacht. In den Bergen im Norden seien die Geister erwacht und zu den Menschen in den Tälern abgestiegen. Angeblich wären dort Menschen grausam ermordet und verbrannt worden. Egill hatte das als Schauergeschichten abgetan, die sonst an kalten Abenden rund um das Feuer erzählt wurden. Außerdem war das Gebirge mehrere Tagesreisen entfernt und von Skogenhem nur schemenhaft als dunkle Masse vor dem grauen Himmel zu sehen. Dann aber waren solche Vorfälle auch in der Nähe passiert. Erst vor vier Tagen hatten Fallensteller einen Mann aus Helgedomen gefunden, der sich mit letzter Kraft in Richtung Skogenhem geschleppt hatte. Der Mann war bald gestorben, hatte davor aber noch mit brüchiger Stimme davon berichtet, wie zuerst das heilige Haus zu brennen angefangen hatte und dann bei Anbruch der Dämmerung schreckliche Dämonen über die Menschen hergefallen waren. Fast alle Bewohner – egal ob Männer, Frauen oder Kinder – waren bestialisch ermordet worden und nur wenige konnten dem Inferno entkommen. Nachdem sich diese Nachrichten in Skogenhem wie ein Lauffeuer verbreiteten, hatten die ersten die Stadt verlassen.

“Hallo? Hörst du mich?” Egill vertrieb die Bilder aus seinem Kopf und wandte sich wieder Gesta zu.

“Also gut. Wieviel willst du für die beiden haben?” Schlussendlich hatte er Gesta für jedes Tier zwei Silberlinge gegeben. Eigentlich ein gutes Geschäft, aber er wusste, dass das Thema damit noch nicht ausgestanden war …

Während er die beiden Hausyak vor sich durch die schlammigen Straßen von Skogenhem trieb, zählte er die leeren Häuser. Viele Feuerstellen blieben kalt, die Bewohner hatten das Nötigste zusammengepackt und waren gen Süden aufgebrochen. Skogenhem war im Norden die letzte große Siedlung in der weiten Ebene vor den Bergen. Die Nähe zum Fluss Isvatten und die umliegenden Wälder hatten dafür gesorgt, dass die Stadt stetig gewachsen und mittlerweile auch beliebte Durchgangsstation für Jäger und Fallensteller war, die weiter nördlich in den Vorbergen ihrer Arbeit nachgingen. Den größten Reichtum hatten die Bewohner aber dem Holz zu verdanken. In den Wäldern arbeiteten viel Holzfäller. Die Holzflößer transportierten dann schlußendlich das Holz auf dem Fluß bis nach Ruun. Neben Egill gab es noch ein paar wenige Bauern, die im Sommer die kargen Wiesen für die Viehaltung nutzten. Egill hatten seinen Bauernhof etwas außerhalb der Stadt am Rande des Waldes, umgeben von Wiesenflächen an einem kleinen Weihers. Egill war stolz darauf, dass seine Familie den Hof bereits in der vierten Generation bewirtschaftete. Wenn er allerdings ehrlich zu sich war musste er zugeben, dass die Zeiten schlechter geworden waren und das Überleben immer schwieriger wurde. In den letzten Jahren waren die Sommer zu kurz und die Winter zu hart geworden, viel zu wenig Zeit um ausreichend Futter für seine Tiere zu ernten. Trotzdem dachte Egill nicht an Aufgeben.

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Ada’ar hatte sich auf einer Anhöhe im Wald versteckt und beobachtete aus der Ferne die vor ihm liegende Stadt. Die Häuser und Hütten hatten sich um einen zentralen Platz herum angesiedelt, eine breite Straße teilte die Stadt in zwei Hälften. Von dieser Straße gingen verschiedene Wege ab, die sich durch die Ansammlungen von Häusern schlängelten und teilweise in Sackgassen endeten. Der meiste Verkehr herrschte erwartungsgemäß auf der Hauptstraße. Mit Genugtuung sah Ada’ar, dass viele Menschen in Wagen oder zu Fuß die Stadt in Richtung Süden verließen. Nur ein Bauer trieb zwei Tiere in Richtung Norden aus der Stadt. Das größte Gebäude in der Stadt war natürlich die Kirche, in der die Menschen ihre Götzen anbeteten und ihnen reiche Opfergaben brachten. Für Ada’ar waren diese Kirchen ein Symbol für Tod und Vertreibung.

Einst waren nicht nur die Berge sondern auch das weite Umland die Heimat der Halda gewesen. Über Jahrhunderte hinweg hatte der Stamm von der Jagd und etwas Ackerbau gelebt. Es waren Siedlungen entstanden und die Menschen hatten in Einklang mit sich und der Natur gelebt. Eines Tages waren Schiffe an den Stränden im Süden gelandet und mit Feuer und Stahl hatte die Vertreibung der Halda begonnen. Wer nicht getötet wurde geriet in die Gefangenschaft der Seeleute und wurde auf Schiffen gen Süden verschleppt. Dörfer und Städte wurden niedergebrannt und die heiligen Orte der Halda entweiht. Oft waren genau an diesen Stellen dann die Kirchen der Eroberer entstanden. In höchster Not hatten schließlich die Stammesältesten um den Beistand der großen Vorfahren gefleht. Diese aber hatten befohlen, dass sich das Volk auf die Hochebene von Rabenheim zurückziehen sollte um dort auf den Tag der Rückkehr zu warten. Und so waren die Menschen mit allem Hab und Gut über beschwerliche Wege schließlich in die Berge gelangt und hatten auf der Ebene neue Siedlungen gegründet. Damit waren sie für die Welt verschwunden gerieten im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Die Halda aber vergaßen nie, was ihnen angetan worden war.

Ada’ar hatten für den Moment genug gesehen. Die Stadt besaß keine Verteidigungsanlagen und außerdem hatten viele Menschen ihre Häuser bereits verlassen. Auch Angst war eine wirkungsvolle Waffe. Schon in wenigen Stunden würden die Kirche brennen und wie ein Fanal am nördlichen Himmel für den Aufstieg der Haldar leuchten. Auf dem rauchenden Altar würde er den großen Vorfahren wieder ein besonderes Opfer bringen …

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Es war genau so gekommen, wie Egill es vorausgesehen hatte …

“Was ist das?” Wutentbrannt kam seine Frau Alvaa auf ihn zu, noch bevor er die Gelegenheit hatte, die beiden Hausyak im Stall unterzubringen.

“Die sind von Gesta und stell dir vor, ich habe für jedes nur zwei Sil…”

“Das interessiert mich nicht!” unterbrach ihn seine Frau. “Du weißt ganz genau, dass wir nicht noch zwei weitere Tiere versorgen können. Und außerdem: wie sollen wir die beiden mitnehmen?”

Egill wurde hellhörig. “Was heißt hier “Mitnehmen”? Wohin mitnehmen?”

“Glaubst du, dass ich mit den Kindern hierbleibe während überall die Menschen abgeschlachtet werden? Egill, wir müssen auch nach Ruun. Hier sind wir nicht mehr sicher!”

“Ich denke, dass wir das Thema jetzt lange genug diskutiert haben. Dieser Hof ist schon lange im Besitz meiner Familie und ich werde ihn nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufgeben. Wie würde ich dastehen? Und außerdem ist  Skogenhem so groß, dass es niemand wagen wird uns anzugreifen.”

“Egill, bitte: wir müssen weg. Ich habe Angst!”

Alvaa hatten ihn angefleht, geschrien und geweint, aber Nachgeben kam für Egill einfach nicht in Frage. Schließlich war sie dann ins Haus gestampft und hatte die Tür hinter sich zugeworfen. Er war aufgebracht und wütend zurück nach Skogenhem direkt ins Wirtshaus gegangen. Es waren freudlose Biere gewesen, denn es waren kaum Gäste da und die Stimmung gedrückt. Trübsinnig hatte er in seinen Krug gestarrt, als plötzlich laut Rufe von draußen in den Schankraum drangen.

“Feuer! Hilfe! Feuer! Die Kirche brennt!”

Auf den Straßen liefen die Menschen wild durcheinander. Die einen versuchten zur Kirche zu kommen um beim Löschen zu helfen, die anderen rannte vor Angst in ihre Häuser um sich dort zu verbarrikadieren. Mit einem Mal war seine bierselige Stimmung verflogen und Egill wurde sich dem Ernst der Lage bewusst. Als er endlich bei der Kirche ankam, sah er, dass hier nicht mehr viel zu retten war. Lichterloh stand die Holzkonstruktion in Flammen, Teile des Dachs waren schon eingestürzt und hatten manche Helfer unter sich begraben. Die Menschen versuchten jetzt, ein Übergreifen der Flammen auf die benachbarten Häuser zu verhindern. Erfolgreich – bis jetzt. Egill wollte sich gerade in die Schlange der Wasserträger einreihen, als aus einer Seitenstraße eine Frau blutüberströmt auf den Platz gestolpert kam und mit vor Angst überschlagenden Stimme rief: “Die Dämonen sind da! Helft mir, die Dämonen …” Hustend und Blut spuckend brach sie zusammen. Ohne Nachzudenken warf Egill den Eimer weg und begann zu rennen. Ihn beherrschte nur ein Gedanken: “Ich muss heim! Bitte, lass mich noch rechtzeitig ankommen!”. Durch die aufkommende Panik kämpfte er sich auf der Hauptstraße voran und hatte irgendwann das nördliche Ende der Stadt erreicht. Hinter sich hörte er die Menschen in Todesangst schreien, aber die Schreie wurden immer leiser, je weiter er sich von der Stadt entfernte. Mittlerweile hatte sich das Feuer ausgebreitet und bereits auf ganze Häuserzüge übergegriffen. Die lodernden, alles verzehrenden Flammen tauchten die Umgebung in ein blutrotes Licht. Egill spürte bei aller Angst auch Erleichterung, dass er dieser Hölle entkommen war. Plötzlich sah er aus dem Augenwinkel, wie sich aus dem Wald ein Schatten löste und auf ihn zukam. Sein Herz begann zu rasen und er versuchte noch schneller zu laufen. Bis zum Hof war es nicht mehr weit, er konnte ihn fast sehen. Schneller und schneller rannte er, doch er hatte keine Chance. Noch bevor er weit gekommen war spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz in seinem rechten Bein und fiel hin. Ein schwarz gefiederter Pfeil war tief in seinen Oberschenkel eingedrungen. Als er den Kopf hob konnte er sein Haus sehen, das lichterloh brannte. Heiße Tränen schossen ihm in die Augen und verzweifelt versuchte er kriechend weiterzukommen. Aber dann beugte sich ein dunkler Schatten über ihn. Brutal wurde er auf den Rücken gedreht und sah vor sich eine dämonenhafte Fratze.

“Bitte … ich will … nicht … bitte …”, flehte Egill.

Die Gestalt beugte sich zu ihm herunter, zückte ein Messer  und flüsterte mit heiserer Stimme in sein Ohr: “Du wirst mein Botschafter sein”. Unfassbare Schmerzen durchflossen Egill wie Feuer, dann wurde alles Schwarz.

[Kapitel 3] Die Ruhe vor dem Sturm

Unermüdlich nagte der Wind an den Felsen und schuf bizarre Formen aus Eis und Schnee. Teilweise war der Boden viele Meter unter einem Eispanzer begraben. Durch dieses Gewirr von steilen Flanken und tiefen Eisspalten schlängelte sich ein schmaler Pfad, der zudem oft durch Schneeverwehungen blockiert wurde. Auf diesem Weg quälten sich fünf Männer schwerbepackt Meter um Meter vorwärts. Immer wieder mussten sie anhalten, um mühsam den Weg freizuräumen und langsam schwanden die Kräfte. Schwer atmend suchten sie im Schatten einer größeren Eissäule für ein paar Minuten Schutz vor dem aufkommenden Wind

“Wir müssen schnell um die Flanke des Berges kommen. Es wird bald dunkel und in der Nacht wird der Sturm noch zunehmen. Dann dürfen wir nicht mehr hier sein.”

Mardal sprach das Offensichtliche aus, alle wussten in welch gefährlicher Lage sie sich befanden. Die Berge waren unbarmherzig und ein kleiner Fehler konnte den Tod bedeuten. Ada´ar sah in die erschöpften Gesichter seiner Männer und wusste, dass er Unmenschliches von ihnen verlangte. Er wusste aber auch, wie dringend die Menschen auf der Hochebene die Beute – vor allem Werkzeug und Saatgut – benötigten.

“Auf Jäger, bringen wir es hinter uns.”

Er schulterte sein Gepäck und machte sich wieder auf den Weg. Hinter ihm folgten Reiar, Svanda und Mardal, den Abschluß bildete Vettis. Dieser hatte sich beim Aufstieg am Bein verletzt und kam daher nur langsam humpelnd voran, bestand aber trotzdem darauf, seinen Teil der Last zu tragen. Im zunehmenden Wind mobilisierten die Männern ihre letzten Kräfte und kämpften sich durch das Eisfeld. Kurz nach Anbruch der Dunkelheit erreichten sie die wettergeschützte Seite des Berges, von wo aus die Gruppe nach einer Pause dann die letzte Etappe des Weges anging. Als der nachtschwarze Himmel langsam in das Grau des Tages überging, passierten Sie unter den aufmerksamen Augen der Wachen den Zugang zur Hochebene der Halda. Von hier aus erreichten sie innerhalb einer Stunde die letzte große verbliebene Siedlung, in der sich auch das Versammlungshaus des Stammes befand. Nachdem sie ihre Beute in einem nahe gelegenen Schuppen verstaut hatten, schickte Ada´ar seine Männer zurück in deren einsam gelegenen Hütten. Nach der Arbeit der letzten Wochen hatten diese nun dringend eine Zeit der Erholung nötig. So wie er, aber vorher gab es noch Etwas zu erledigen.

Die Versammlungshalle war eines der wenigen Häuser, dass aus massivem Stein gebaut war und deswegen auch über die Jahrhunderte hinweg weniger unter Wind und Schnee gelitten hatte als die umliegenden Holzhäuser und Hütten. Das Gebäude war mehr als zwei Stockwerke hoch und wirkte auf den Betrachter abweisen und feindselig. In den massiven Mauern gab es nur vereinzelt kleine runde Fenster, die wie die Augen eines Toten wirkten und blind in die Landschaft starrten. Der Zugang zur Halle führte durch eine massive Holztür. In diese waren in längst vergessenen Zeiten feine Bilder geschnitzt worden, die die Geschichte der Halda darstellten. Über die Jahrhunderte hatte aber der Einfluss des Wetters dafür gesorgt, dass die Bilder fast komplett abgeschliffen worden waren und so die einstige Pracht der Türe verloren gegangen war. Bevor er einen der beiden Flügel aufstieß, fuhr Ada´ar mit geschlossenen Augen über das Relief der Tür und für einen kurzen Moment wurde die Vergangenheit unter seinen Fingerkuppen lebendig. Der Vorraum der Halle war dunkel, nur schemenhaft konnte er einige Gegenstände erkennen. In der Hauptsache waren diese mehrere Regalen, in denen die Menschen normalerweise ihre Kleidung und auch die Waffen ablegten. Er tat nichts dergleichen und ging weiter in den größten Raum des Hauses, die eigentliche Versammlungshalle. Auch hier war das Licht gedämpft. Nur schmale Streifen des Lichts von den hoch gelegenen Fenstern und vereinzelte Fackeln sorgten dafür, dass auf den Wänden lange Schatten tanzten. Die Decke des Raumes wurden von vier mächtigen Pfeilern aus Stein getragen, die mit altem, fast schwarzem Holz verkleidet waren. Auch hier fanden sich, ähnlich der Eingangstür, kunstvolle Schnitzereien auf der Oberfläche. Allerdings erzählten diese Bilder die Geschichte von Leid, Tod und Vertreibung der Halda. Am entfernten Ende stand auf einem kleinen Podest ein schwerer Tisch mit fünf Stühlen. Für gewöhnlich saßen hier bei Versammlungen der Älteste und seine vier Berater, der Rat der Halda. Dem Ältesten oblag alle Entscheidungsgewalt, er sprach Recht und hatte als wichtigste Aufgabe die Aufsicht über die Verteilung der knappen Vorräte inne. Heute war der Tisch leer, aber die Tür zu den Räumen hinter dem Podest stand offen. Ada´ar durchmaß die Halle mit langen Schritten, erklomm das Podest und blieb auf der Schwelle zu dem nur karg eingerichteten Raum stehen.

“Ältester? Seid ihr hier?”

Aus einem weiteren Zimmer vernahm er eine schwache, aber doch deutliche Stimme.

“Komm herein. Dein Kommen wurde mir bereits angekündigt”.

Ada´ar war mit wenigen Schritten an einem Vorhang, der eine weitere Tür verbarg. Dahinter befand sich ein größeres Zimmer, dessen Rückwand fast vollständig von einem großen Kamin eingenommen wurde. Ansonsten befanden sich neben einem schmalen Bett und einem Tisch mit drei Stühlen vor allem lange Regal mit alten Büchern und Schriften in diesem Raum. Im Kamin prasselte ein Feuer, das eine wohlige Wärme verströmte. Ada´ar spürte, wie sein Körper die Wärme gierig aufsog und sich seine Glieder langsam entspannten. Noch vor wenigen Stunden hatten er fast schon nicht mehr geglaubt, jemals wieder der umbarmherzigen Kälte zu entkommen.

“Warum bist du hier?” Der Älteste wandte sich vom Feuer ab und sah den Jäger mit zusammengekniffenen Augen an. “Was willst du?”

“Ich bin Euch keine Rechenschaft schuldig … Ältester.” Ada´ar blieb ruhig, auch wenn die Feindseeligkeit seine Gegenübers fast mit Händen zu greifen war. Andererseits ließ er sein Gegenüber durch seinen Tonfall auch deutlich seine Verachtung spüren. “Die Jäger gehorchen niemandem.”

Der Älteste stand auf und trat einen Schritt auf ihn zu. Er war durch das Alter gebeugt, aber man sah ihm an, dass er in seiner Jungend ein stattlicher Mann gewesen sein musste.

“Nochmal: was willst du?”

“Im Gegensatz zum Rat tun die Jäger etwas für das Volk. Geht in den Schuppen, dort werdet ihr Sachen finden, die wir aus der Ebene mitgebracht haben. Verteilt sie an die Menschen.” Sehr genau fixierte er die Augen des Ältesten. “Und seid ehrlich dabei …!”

Ohne eine Antwort abzuwarten wandte sich Ada´ar ab und verließ das Zimmer. Der Älteste war schwach, das war deutlich zu sehen. Vielleicht würde man hier bald eine Veränderung herbeiführen müssen …

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Seine Augen waren geschlossen und in seinem Kopf drehte sich alles. Er hatte das Gefühl leicht zu schaukeln, irgendwo knarzte es. Er versuchte seine rechte Hand zu heben, konnte es aber nicht. Offenbar war er gefesselt worden, denn auch die linke Hand konnte er kaum bewegen. Was war geschehen? Er konnte sich an nichts wirklich erinnern, wusste nicht wie er hierher gekommen war und warum er gefesselt auf einer Pritsche lag. Langsam versuchte er seine Augen zu öffnen, musste sie aber gleich wieder schließen, denn ein heller Lichtstrahl schien sich wie eine Lanze schmerzhaft direkt in seinen Kopf zu bohren.

“Er ist wach, sagt dem Magister bescheid.”

Er kannte diese Stimme nicht. Wo war er? Welcher Magister? Er spürte etwas Hartes an seinem Mund und einen kurzen Augenblick später benetzte Feuchtigkeit seine Lippen. Gierig wollte er trinken, wurde aber sanft zurückgehalten.

“Langsam, ein Schluck nach dem anderen.”

Gehorsam fügte er sich und trank langsamer. Es dauerte nicht lange und er hatte das Gefühl, dass sich sein Zustand tatsächlich verbesserte hatte. Das Pochen der Hammerschläge in seinem Kopf war leiser geworden und sein ganzer Körper entspannte sich etwas. Wieder öffnete er langsam die Augen und dieses Mal blieb der Schmerz in erträglichem Rahmen. Zunächst konnte er seine Umgebung nur verschwommen wahrnehmen, erkannte dann aber schnell, dass er in einer kleinen Kammer lag. Durch ein offenes Fenster fielen Sonnenstrahlen, von seiner Pritsche aus konnte er ein kleines Stück blauen Himmel erkennen. Neben seinem Bett stand eine junge Frau und hatten einen Krug sowie einen Becher in den Händen.

“Wo bin ich?”

“Du bist in der Obhut des Magisters. Er wird in Kürze hier sein, dann ist auch Zeit zu sprechen. Bis dahin, versuche dich noch etwas auszuruhen.”

Er wollte widersprechen, aber er verspürte eine tiefe Erschöpfung und so schloss er wieder die Augen. Noch immer hatte er keine Ahnung, wo er eigentlich war. Von einem Magister hatte er noch nie gehört und auch auch dieses ständige, fremdartige Gefühl des Schaukelns war ihm fremd.

Kurz darauf hörte er Schritte und lauter werdende Stimmen. Zwei Männer betraten den Raum, die junge Frau verschwand und einer der Männer wandte sich dem Verletzten zu.

“Wie heißt du?”

“Ich … ich bin … ich weiß es nicht …”.

“Und wo kommst du her?”

Der Befragte konnte nur stumm den Kopf schütteln.

Der Mann, der ihm diese Frage gestellt hatte wandte sich dem Anderen zu: “Wie ich vermutet habe, Magister. Entweder kann er sich wirklich an nichts erinnern oder die Erlebnisse sind so grauenhaft, dass ihm sein Geist den Weg dorthin versperrt. Seinen Verletzungen nach war er in einen schweren Kampf verwickelt. Dies könnte durchaus der Grund sein”.

Mit diesen Worten beugte sich der Mann über den Verletzten, schlug die Decke zurück und begann ihm den Kittel zu öffnen.

“Wir haben deine Wunden versorgt und die Heilung hat bereits eingesetzt. Wir musste dich allerdings festbinden, denn im Fieber hast du um dich geschlagen und geschrien.”

Unter dem Kittel waren viele kleine Wunden zu sehen, die teilweise bereits gut verheilt waren. Auf der Brust allerdings befand sich noch ein großer Verband, den der Heiler nun langsam abnahm.

“Das sieht doch schon viel besser aus. Die Entzündung ist endlich verschwunden.”

Erstmals sprach nun auch der dritte Mann und sah dabei den immer noch gefesselt daliegenden Mann an.

“Du wurdest von Soldaten bei Skogenhem gefunden. Wären wir auch nur wenig später gekommen, dann hätte dies deinen sicheren Tod bedeutet. Du musst dich erinnern! Skogenhem ist völlig vom Feuer zerstört worden und wir haben viele Tote gefunden. Wir müssen wissen, was passiert ist!”

“Im Schlaf hat er von “Dämonen” und “Geistern aus den Bergen” gesprochen,” warf der Heiler ein. “Wir haben dies aber dem Fieber zugesprochen.”

Schon während die Männer gesprochen hatte, hatte sich tief im Inneren des Verletzten etwas bewegt. Es war fast so, als hätten die Worte eine Barriere durchbrochen und nun wurden wieder viele Erinnerungen an die Oberfläche gespült. Erinnerungen, die er ganz tief in seinem Inneren vergraben hatte. Auch sein Name fiel ihm wieder ein: Egill.

“Ich erinnere mich wieder … die Kirche hat gebrannt und ich wollte beim Löschen helfen … die Dämonen … überall war Blut … nach Hause, ich bin zu meinem Hof gelaufen …”. Immer schriller wurde die Stimme des Mannes, tiefe Verzweiflung aber auch Panik sprach aus seinen Worten.

“Das Haus hat gebrannt … oh nein … meine Frau und die Kinder …”. Schreiend bäumte sich der Mann im Bett auf, wurde aber von den Fesseln zurückgehalten. Der Heiler drückte ihn sanft auf die Liege zurück und sprach mit beruhigender Stimme.

“Quäle dich nicht. Wir wissen ja immer noch nicht genau, was passiert ist. Vielleicht konnten sie sich ja verstecken und sind entkommen.”

Der Magister hatte sich in der Zwischenzeit die Wunde auf der Brust des Mannes angeschaut. Verwundert hob er den Kopf und sprach den Heiler an: “Das ist keine gewöhnliche Wunde. Mir scheint, als ob ihm diese Schnitte in dieser Form bewusst zugefügt wurden. Was soll das sein? Ist das ein Symbol?”

Der Heiler schüttelte nur den Kopf, ging aber zur Tür und rief nach einem Blatt Papier und einer Feder. Diese wurden im kurz darauf gebracht und er begann eine grobe Skizze der Schnitte zu machen, die er im Anschluß dem Magister überreichte. Dieser sah sie sich genau an, konnte aber wohl auch keinen Sinn darin entdecken.

“Kann ich den Mann mitnehmen?” fragte er den Heiler.

“Ja, aber überanstrengt ihn nicht. Er hat viel Blut verloren und waren tagelang bewußtlos.” Er band Egill los und half ihm beim Aufstehen und Ankleiden. Gemeinsam verließen die Männer den kleinen Raum und gelangten nach einem kurzen Gang ins Freie. Egill sah sich erstaunt um, denn so etwas Eindrucksvolles hatte er noch nie gesehen. Nun wurde ihm auch klar, woher das sanfte Schaukeln kam, dass er unmittelbar nach dem Aufwachen gespürt hatte: er befand sich auf einem Schiff! Viel Zeit hatte er nicht, alle Eindrücke aufzunehmen, denn schon wurde er vom Magister aufgefordert ihm zu folgen.

“Komm, wir werden erwartet. Du wirst direkt dem König von deinen Erlebnissen berichten!”

Dies brachte bei Egill dann auch die letzten Erinnerungen vor seiner Ohnmacht zurück. An das grausame Gesicht, die geflüsterten Worte und den brennenden Schmerz. Er war der Botschafter und brachte den Menschen Nachricht von Tod und Zerstörung.

“Lasst uns gehen. Aus dem Norden kommt das Dunkel und die Zeit der Menschen hier läuft ab …”

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren setzte sich der Magister in Bewegung und Egill folgte ihm. Auch wenn noch nichts zu sehen war spürte er doch, dass ein Sturm aufzog. Kein gewöhnlicher Sturm, sondern ein Inferno, dass das Ende aller Tage bedeuten würde. Er hatte Angst.

[Kapitel 4] Das Zeichen

An einem Ort jenseits aller Traumwelten, schwärzer als die dunkelste Nacht, gemieden von den Lebenden und verflucht von den Toten, gibt es keine Ruhe und keinen Frieden. Hungrig windet sich die Dunkelheit gleich einer Schlange, bereit alles Licht zu verschlingen. Aus dieser Dunkelheit war ein Wesen geboren worden, grausam und unersättlich. Lange war es in den zeitlosen Gefilden gewandert, immer auf der Suche nach dem einen Weg aus der Verbannung. Mit seinem Hass war auch die Macht gewachsen – eine Macht um Welten zu zerstören und neu zu erschaffen. Aber es wusste: die Zeit seiner Ankunft war gekommen.

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Über viele hundert Meter ragten die Berge zu beiden Seiten des Wassers empor. An den Hängen wechselten sich dichte Wälder mit nacktem Fels ab, auf den wenigen, tiefer gelegenen Wiesen weideten Hausyaks und Ovis. In einiger Entfernung rauschte ein gewaltiger Wasserfall aus großer Höhe hinab. Die Kaskaden fallenden Wassers sahen aus wie flüssiges Silber und so hatten die Menschen ihm den Namen Sølvevann – Silberwasser – gegeben. Im Sommer brach sich das Sonnenlicht in der tanzenden Gischt und Myriaden von kleinen Diamanten tanzten in der Luft, um sich am Ende der Reise mit dem großen Wasser zu vereinen. Im Winter erstarrte das Wasser und wurde zu einem gewaltigen Speer aus Eis, der bis in den Himmel zu ragen schien. Die höchsten Gipfel der umgebenden Berge waren mit Schnee bedeckt und darüber spannte sich das unendliche Blau des Himmels.

Egill hatte keine Augen für die raue Schönheit der Natur, zu sehr wurde er vom Treiben in seiner unmittelbaren Nähe abgelenkt. Neben dem Schiff des Magisters lagen weitere Wassergefährte, meist größere Segelschiffe oder Galeeren. Alle waren durch Planken und kleine Brücken miteinander verbunden und bildeten so ein großes, zusammenhängendes Gewirr aus Holz, Tauen und Segeln. Überall eilten Menschen geschäftig umher, standen aufmerksame Soldaten oder spielten vereinzelt Kinder in den Takelagen der Schiffe. Das war also Ruun. Egill hatte schon mal gehört, dass Ruun eigentlich eine Stadt auf dem Wasser sei, hatte sich dabei aber immer Hütten vorgestellt, die auf im Wasser versenkten Pfählen standen. Die Wirklichkeit war viel beeindruckender. Während sie gingen, erzählte ihm der Magister, dass die Seekönige schon immer auf Schiffen und noch nie auf Land gelebt hatte. In früheren Zeiten waren die Herrscher oft zwischen den weit entfernt liegenden Siedlungen auf dem Schiff hin und her gereist und hatten keinen festen Wohnort besessen. Zur Zeit des legendären Königs Gautheim war dies dann aufgegeben worden, da sich mittlerweile die Menschen auch weit von den Küsten entfern niedergelassen hatten. Der König verfügte damals, dass dieser großartige Fjord der Ort für seinen Hauptstützpunkt werden sollte, und so war das königliche Schiff hier endgültig vor Anker gegangen.

Während der Erzählung des Magisters hatten sie sich immer weiter in Richtung der dichtesten Ansammlung von Schiffen bewegt. In der Mitte des Gewirrs von Masten, Segeln und Tauen erhob sich ein Schiff, das nur das Heim des Königs sein konnte. Im Gegensatz zu den wendigen Kriegsschiffen war dieses ein wahrer Koloss, der wohl nur noch der äußeren Form nach den alten Langschiffen ähnelte. Zwar war auch hier der Schiffskörper lang und schmal, Heck und Bug waren hochgezogen und liefen in den Spitzen in geschnitzten und vergoldeten Drachenköpfe aus. Anders aber als alle anderen Schiffe hatte es vier Decks und ragte damit weit über die gewöhnlichen Schiffe hinaus.

Der einzige Zugang zum Schiff führte über eine breite Planke, auf der Egill sogar seinen Karren hätte auf das Boot fahren können. Bewacht wurde der Eingang von fünf Männern, deren auffälligstes Merkmal der himmelblaue, weite Mantel und der vergoldete Helm in Form eines Drachenkopfes war. Auch die zweischneidigen Speerspitzen waren vergoldet und funkelten in der blassen Sonne. Einer der fünf Männer trat ihnen entgegen und versperrte den Zugang. Der Magister hob eine Hand und zeigte der Wache einen Gegenstand, den Egill aber nicht genau erkennen konnte. Nachdem die Wache einen prüfenden Blick auf dieses Ding geworfen hatte, macht er Platz und wies einen seiner Kameraden an, die beiden Männer auf dem schnellsten Weg zum König zu bringen. Durch verwinkelte Gänge, enge Treppen, kleine und große Räume gelangten sie schließlich in eine Art Vorraum, in der sie wiederum von einem Krieger empfangen wurden. Dieser klopfte an eine Tür, öffnete diese nach kurzem Warten und bedeutete dem Magister und Egill einzutreten. Nun da er im Begriff war, seinem König tatsächlich gegenüber zu treten, war Egill doch mulmig zu mute. Bisher war der Seekönig nur eine ferne, fast schon sagenhafte Gestalt gewesen und nie hätte Eggil – ein einfacher Bauer – damit gerechnet, seinem Herrscher von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Wieder wurde ihm bewusst, wie sehr sich sein Leben in den letzten Wochen verändert hatte.

Durch die Tür traten sie in einen überraschend großen Raum, an dessen gegenüberliegender Wand sich zwei große Fenster befanden. Hier hatte man einen freien Blick auf das Wasser und den Fall des Sølvevann, nur wenige Schiffe waren hier festgemacht worden. Vor den Fenstern standen ein großer, schwerer Stuhl und ein ebenso gewaltiger Tisch. Am Tisch sahen sie ein groß gewachsener Mann, dessen dunkles Haar bis über die Schultern fiel und ein hartes, von vielen Wintern gezeichnetes Gesicht einrahmten. Zur Egills Überraschung war der König nicht besonders aufwändig oder teuer gekleidet. Unter einem leichten Lederwams war ein Unterrock zu erkennen, der im gleichen Blau wie die Umhänge der Wachen gehalten war. Gerade war er damit beschäftigt, verschiedene Papiere auf seinem Tisch zu betrachten, bei denen es sich offensichtlich um Landkarten handelte. Als der Herrscher dann vom Tisch aufsah, senkte Egill den Blick und wagte es nicht mehr den Kopf zu heben. Neben ihm räusperte sich der Magister und ergriff das Wort.

“Majestät, dies ist der Mann, den die Soldaten nahe Skogenhem gefunden haben.”

Noch immer wagte Egill nicht seine Augen vom Boden zu lösen. Vor zehn Minuten hatte er so viel erzählen wollen, hatte seine Botschaft unbedingt loswerden müssen, aber jetzt in unmittelbarer Gegenwart des Königs hatten ihn jeder Mut verlassen.

“Der Heiler sagt, dass er soweit wieder einigermaßen gesund ist. Allerdings sind die Wunden auf seiner Brust noch nicht verheilt. Mir scheint es, als ob diese Schnitte einem bestimmten Muster folgen würden. Ich habe eine Zeichnung davon angefertigt.”

Das Papier raschelte leise, als der Magister dem König die zuvor angefertigte Zeichnung reichte. Mehrere Minuten vergingen, in denen nur die dumpfen Geräusche von außerhalb des Schiffes zu hören waren. Egill wagte kaum zu Atmen und ihm kam jede Sekunde wie eine Ewigkeit vor. Als der König dann das erste Mal sprach, wäre Egill vor Schreck fast zusammengezuckt.

“Berichte mir alle Einzelheiten! Was geht im Norden vor sich?”

Die Stimme des Mannes war überraschend hoch, ließ aber dennoch keinen Zweifel an der Macht, die der Seekönig besaß. Da er direkt angesprochen wurde, hob Egill endlich den Blick und wurde sofort von den eisgrauen Augen seines Gegenübers in den Bann gezogen. Egill spürte, dass dieser Mann es wissen würde, wenn er in seinem Bericht lügen oder auch nur übertreiben würde.

Später konnte er nicht mehr sagen, wie lange das Verhör gedauert hatte. Und zu einem Verhör war sein Bericht geworden, denn der König hatte immer mehr begonnen genaue Fragen zu stellen, um noch mehr zu den Vorgängen in Skogenhem zu erfahren. Besonders interessiert war der König an der Schilderung des Blutbades auf dem Marktplatz und der dämonenhaften Gestalt, die Egill fast getötet hätte. Während der Mann aus dem Norden gerade schilderte, wie er vor der schattenhaften Gestalt geflohen und dann im Angesicht seines brennenden Hofes zusammengebrochen war, ging die Tür auf und eine verhüllte Gestalt trat ein. Der König bedeutete dem Neuankömmling mit einer kurzen Geste, sich zu ihnen zu gesellen. Der Mann war in eine dunkle Robe gehüllt und eine schwarze Kapuze verhüllte sein Gesicht. Sein Gang war merkwürdig schwankend und während er näher kam, gab er undefinierbare, gutturale Laute von sich. Wahrscheinlich war dies ein weiterer Berater des Seekönigs, dachte Egill, der in Gegenwart der Gestalt ein gewisses, undefinierbares Unbehagen spürte.

Auf ein Zeichen des Magisters hin nahm Egill seinen Bericht wieder auf und sprach nun von den letzten Sekunden, bevor er seine Besinnung verloren hatte. Dies waren die letzten Worte, an die Egill sich erinnern konnte:

“Der Schatten vertreibt das Licht,
das Frühe widersteht dem Späten.
Die Schattenkrieger werden sich erheben,
das Volk des Meeres wird untergehen!”

Während der König noch immer unbeeindruckt schien, war  die verhüllte Gestalt während dieser Worte immer unruhiger geworden. Sein Oberkörper begann wie ein Grashalm im Wind zu schwanken und die seltsamen Laute waren in ein monotones Murmeln übergegangen. Unbeachtet dessen hatte der Magister inzwischen wieder den Gegenstand in die Hand genommen, der ihnen zuvor den Zutritt zum Schiff des Herrschers verschafft hatte. Als er diesen nun auf den Tisch legte, konnte Egill erkennen, dass es sich hier um eine Art Amulett handelte, das aus rohem, glatt poliertem Stein gefertigt worden war. Zum großen Erstaunen Egills befand sich in der Mitte des Amuletts ein Zeichen, dass er nur allzu gut kannte. Langsam öffnete er sein Hemd und legt seine Brust frei. Die Wunden, die ihm der Dämon zugefügt hatten, wiesen eine erstaunliche Ähnlichkeit auf mit den feinen Linien auf dem Stein auf:

Nachdem er sich sowohl die Wunde als auch das Amulett genau betrachtet hatte, wandte sich der König ab und trat an das große Fenster. Mehrere Minuten war es still, dann sprach er ohne sich dabei umzudrehen.

“Es ist also so, wie ich es vermutet habe. Aus den Tiefen der Zeit werden alte Prophezeiungen war, die letzte Schlacht steht uns bevor. Nun, ist es an uns, das Schicksal zu vollenden.” Mit diesen Worten wandte sich der König vom Fenster ab und sprach nun direkt zu den anderen Männern im Raum. “Unser Volk hat sich seit vielen Generationen auf genau diesen Moment vorbereitet. Jetzt wird sich zeigen, ob wir dem Sturm widerstehen können.” Ein letztes Mal sah der Herrscher auf das alte Amulett, dann wies er den Magister an, alle notwendigen Schritte einzuleiten. “In fünf Tagen soll das Heer stehen. Wir werden gen Norden ziehen und die Schattenkrieger vernichten!”.

Die darauf entstehende Hektik spülte Egill wie ein unaufhaltsamer Strom zuerst aus dem Raum, dann auch vom königlichen Schiff. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Ruf zu den Waffen und auf jedem Schiff machten sich die Krieger des Königs bereit für die Musterung. An den Rändern Ruuns wurden die ersten Verbindungen zwischen den Schiffen gelöst und bald würde nichts mehr an die schwimmende Stadt des Seekönigs erinnern. Egill versuchte sich irgendwie in Richtung Festland zu bewegen, musste aber immer wieder umkehren oder andere Wege nehmen. Längst hatte er jegliche Orientierung verloren und so irrte er von Schiff zu Schiff. Einmal hatte er geglaubt in der Masse der Menschen kurz ein Gesicht erkannt zu haben und war kopflos und ohne Erfolg in die Richtung gestolpert. Dann aber hatte er die schlagartig aufkeimende Hoffnung wieder aus seinem Kopf verbannt. Es konnte nicht sein …

Als er zum wiederholten Male nicht weiterkam und sich ratlos umsah, wurde er sachte von Hinten am Ärmel gezupft. Überrascht drehte er sich um und sah sich dem seltsamen Mann mit der dunklen Robe aus dem Zimmer des Königs gegenüber. In dem ihm umgebenden Trubel hatte er nicht mitbekommen, wie sich dieser genähert hatte. Der Mann bedeutete ihm mit einer ungelenken Geste ihm zu folgen und ging ohne zu warten zielstrebig los. Egill blieb nichts anderes übrig als ihm nachzugehen, denn wohin hätte er sich sonst wenden sollen. Seine Unruhe verstärkte sich, als er erkannte, auf welches Ziel sie zusteuerten. Das kleine schwarze Schiff sah aus wie die verkohlten Überreste eines altertümlichen Langschiffes, die Außenhaut war uneben und vernarbt, es hing kein Segel am kurzen Mast und es war niemand zu sehen.

“Das ist ein Totenschiff!” dachte Egill, als er mit dem Fremden an Bord ging.

Den weit über seinem Kopf kreisenden Raben schenkte er keine Aufmerksamkeit. Hätten er es getan, wäre ihm klar geworden, wie wenig Zeit tatsächlich noch geblieben war …

[Kapitel 5] Weltenriss

Vom höchsten aller Gipfel bis zum tiefsten Grund des Meeres war ihr die tosende Gischt des Wasserfalls am Liebsten. Sie erfreute sich am lebendigen Chaos der Wassertropfen und badete im unendlich gebrochenen Funkeln der Sonne. Dennoch war sie sich der Veränderung bewusst: das Wasser wurde langsam aber stetig kälter und das Licht verlor seine Reinheit. Selbst die Wurzeln der Berge tief in der Erde vibrierten vor Unruhe. Wenn sie die Zeichen richtig deutete, stand die Zeitenwende unmittelbar bevor. Vielleicht zum letzten Mal gönnte sie sich einen Moment des Friedens, bevor sie die verstreuten Teile ihrer Essenz zusammenzog und in ihren aktuellen Körper zurückkehrte. Sie holte tief Luft, schlug die Augen auf und sah die verbrannte Schwärze um sich herum. Nur durch einen kleinen Spalt in der Tür fiel ein Sonnenstrahl in den Raum. Sie wusste, dass ihre Zeit gekommen war. Aber dieses Mal würde sie endgültig widerstehen.

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Während Egill bewusstlos in Ruun gepflegt wurde und erst in einigen Tagen wieder zu sich kommen würde, stieg Ada’ar erneut in die Tiefen des Berges hinab. Wie auch die anderen Jäger hatte er die vergangenen Tagen genutzt, um sich von den zurückliegenden Anstrengungen zu erholen und sich für das Kommende vorzubereiten. Trotz der Überlegenheit der Schattenjäger über die tumben Menschen der Ebene, waren seine Männer und er doch zum Ende hin an die Grenzen ihrer Kräfte gelangt. Ada´ar und seine Brüder wussten aber auch, dass die größte Aufgabe noch vor ihnen lag.

Wie immer fühlte sich der Jäger zuhause, sobald er den Eingang des Tunnels am Fuße des Berges durchschritt und in die Dunkelheit hinabstieg. Immer tiefer wand sich der unebene Gang in den Berg hinein. Ada´ar konnte sich noch sehr lebhaft an den Tag erinnern, als ihn der älteste Jäger zum ersten Mal mit in die Höhle genommen hatte. Damals war ihm der Eingang wie ein riesiges, schwarzes Maul erschienen, das ihn gleich einem Ungeheuer verschlingen wollte. Natürlich hatte er gegenüber seinem Begleiter keine Angst gezeigt, aber wohl war ihm bei dem Gedanken an den Abstieg nicht gewesen. Schon nach wenigen Minuten hatte er im dunklen Gang die Orientierung und den Kontakt zum alten Jäger verloren und musste sich so blind vorantasten. Heute wusste er, dass ihn der alte Jäger ganz bewusst in der Dunkelheit zurückgelassen hatte. Es war die letzte Prüfung gewesen. Nach ungezählten Stunden war dann endlich ein sanfter Lichtschimmer sichtbar geworden, der ihm das Ende seiner Reise anzeigte. Als er aus dem Gang in die Höhle trat, konnte er in einiger Entfernung den Anderen vor einem kleinen Feuer erkennen. Überwältigt von der schieren Größe dieser unterirdischen Kathedrale, war er am Ausgang des Tunnels stehen geblieben. Als der Ältere ihn bemerkte, bedeutete er ihm mit einem Wink näher zu kommen und sich neben ihn auf den nackten, aber dennoch seltsam warmen Felsboden zu setzen. Er reichte Ada´ar einen Schlauch und gierig trank dieser das reine, klare Quellwasser.

“Ich habe dich erwählt, mir als erster Jäger nachzufolgen, wenn sich mein Geist am Ende meiner Tage mit dem Nordwind vereinen wird. Begleite mich daher nun auf der Reise zu den Ältesten. Sie werden dich prüfen und dir das Geschenk der Jäger geben.”

Ganz bewusst verschwieg er, welche Folgen es haben würde, wenn die Ältesten seine Wahl ablehnen würden. Schon zwei Mal musste er miterleben, wie Anwärter unter dem strengen Gericht der Ältesten nicht bestanden hatten und deren Geist in der großen Leere verloren gegangen war. Beide Male hatte er die noch lebendigen Körper nach alter Tradition auf den Gipfel des Berges gebracht und sie den Raben zum Fraß überlassen.

Behutsam legte er dem Jungen die Hand auf die Schulter. “Höre und lerne!”

Ada´ar tat es dem Jäger gleich und schloss die Augen. Leise begann der Ältere unbekannte Worte zu sprechen, deren Klang sich immer mehr zu einer Melodie verdichteten, die in Ada`ars Innerstes eindrang und ihn seltsam anzog. Und plötzlich hörte er die Stimme des Jägers in seinem Kopf.

“Denke an nichts und öffne deinen Geist für die Ältesten. Sie werden uns auf diesem Weg leiten.”

Ada´ar beruhigte seine Atmung und schloss nach und nach jeden Gedanken aus seinem Kopf aus. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, sich über seinen Körper zu erheben und in einer weiten, dunklen Leere zu schweben. Seltsamerweise empfand er keine Angst, vielmehr fühlte er eine ihm bisher unbekannte Geborgenheit. Es war, als würde tief in seinem Inneren etwas reagieren, dass ihn mit dieser Leere in Einklang brachte. Zuerst nahm er die Stimmen gar nicht war, die sein Denken und Empfinden zunächst sanft, dann immer fordernder erfüllten. Er folgte dem Rat des alten Jägers und wehrte sich nicht gegen die Fremden sondern hieß sie willkommen. Aus dem Gewirr der Stimmen formten sich nach einer Weile konkrete Gedanken und Bilder.

“Dies ist das Ödland, streng und kalt. Die wüste Nach in gefrorener Ewigkeit.”

Bei diesen Worten entstand in Ada`Ars Geist ein weites Land, schwarz und leer. Es sah so aus, als ob hier ein gewaltiges Feuer alles Leben vernichtet hatte und der Wind nun nur noch über die toten Gebeine der Erde strich. Aber schon mit den nächsten Worten änderte sich das Bild:

“Es gab eine Zeit, in der wir mit den Bäumen wuchsen, als die Samen durch Äste und grüne Blätter auf fruchtbaren Boden fielen. Ein Zeit, in der wir in Frieden im kühlen Schatten der Bäume wandelten.”

Der junge Jäger empfand bei diesen Worten eine Freude, die wie die Bäume tief in der Erde verwurzelt war. Ihm war, als würde nach einer langen Nacht der erste Sonnenstrahl wärmend auf sein Gesicht fallen. Doch wie Sand im Wind zerstob dieser flüchtige Moment innerhalb eines Augenblicks und wurde durch eine unendliche Leere ersetzt.

“Dann kam der Winter und mit dem Winter der schwarze Tod.”

Tief in seinem Inneren spürte Ada´ar eine unbändige Wut aufsteigen. Er wollte den Moment des Glücks festhalten, wusste aber auch, dass dieser für ihn verloren war. Er spürte einen tiefen Hass auf die Unbekannten, die dieses Unglück verursacht hatten. Und damit verstand er auch die wahre Mission der Schattenjäger.

“Aber es wird die Stunde kommen, in der das Licht verschwindet und der Strom des Lebens stillstehen wird. In diesem Moment wird das Jetzt enden und sich die ewige Nacht über alles legen. Und aus der Dunkelheit werden wir neu erstehen.”

Es folgte eine tiefe, lange Stille. Schließlich sprachen die Stimmen wieder.

“Dein Geist ist stark, stärker als wir es seit langem bei den Kindern des ersten Jägers gesehen haben. Vielleicht bis du der, der uns in der Stunde der Wiederkehr den Weg bereiten wird. Empfangen unsere Gabe und werde eins mit den Schatten.”

Die Stimmen hatten sich während eines Augenblickes aus seinem Geist zurückgezogen und dennoch spürte er, dass etwas von ihnen zurückgeblieben war. Er fühlte sich größer, mächtiger – und tödlicher. Er kehrte in seinen Körper zurück und öffnete die Augen. Der alte Jäger nickte wissend als er erkannte, dass dem Jüngeren die Gabe verliehen worden war.

“Du bist nun ein Teil von uns, Ada´ar. Verschmelze mit dem Schatten und erfülle die Aufgabe, die uns Jägern gegeben wurde. Wir bringen die Dunkelheit, aus der neues Leben entsteht.”

Als er sich schließlich umwandte und die Höhle verlassen wollte, war Ada´ar hinter ihn getreten und hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Die Ältesten hatte es gesagt und auch er konnte spüren, dass die Macht stark in ihm war. Von nun an sollte niemand mehr vor ihm stehen.

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Als Ada´ar dieses Mal in die Höhle trat, spürte er, dass sich etwas verändert hatte. Er war sich sicher, dass kein anderer aus seinem Volk hier hinabgestiegen war, denn dazu hatten die Menschen zu viel Angst vor ihm. Und ganz genau konnte er die Veränderung auch nicht bestimmen, es war mehr eine Gefühl denn Gewissheit. Vielleicht war dies aber auch nur seiner Erschöpfung zuzuschreiben. Wie immer entzündete er das Feuer und setzte sich daneben. In Erwartung des langsamen Aufstiegs in das Reich der Ältesten, löste er seinen Geist – und wurde sofort von der Kakophonie gestaltloser Stimmen umschlossen. Nur mühsam konnte er aus dem Gewirr der Eindrücke einzelne Wörter oder Satzfetzen erkennen.

Aus ihnen sprach ekstatische Freude: “… er kommt … endlich … aus der Dunkelheit … in unsere Welt …”.

Daneben schwang jedoch auch ein ihm unbekanntes Gefühl mit: “… aber … das Herz des … Berg … ist erwacht … Weltenzerstörer …”. War dies Angst?

Noch während die Stimmen erklangen konnte Ada´ar spüren, wie sich aus den unendlichen Tiefen des Nichts eine Präsenz näherte, deren schwarze Kälte wie ein alles verschlingendes Feuer brannte. Die Stimmen der Ältesten steigerten sich in tosendem Wahnsinn – um dann im nächsten Moment zu verstummen. Jetzt fühlte auch der Jäger eine ungewisse Angst in sich aufsteigen, denn wann immer er sich auf die Seelenreise begeben hatte, war die Stimmen um ihn herum gewesen und hatten ihn geleitet.

Aber jetzt war er ganz allein.

Mit aller Kraft versuchte er sich zurückzuziehen und wieder in die wache Welt zurückzukehren. Wie in einem reißenden Fluss wehrte er sich gegen den immer stärkeren werdenden Sog, der ihn gleich einem Strudel immer weiter in die Tiefe zog. Auch wenn er hier keine körperliche Präsenz besaß, so hatte er doch das Gefühl, als ob sich die Dunkelheit langsam um ihn herum zusammenzog und ihn einhüllte wie in ein aus brennendem Hass gewebtem Spinnennetz. Gleichzeitig spürte er die ekstatische Raserei und den unbändigen Willen, der gleich Tentakeln aus der Dunkelheit auf ihn zuschoss und seinen Geist umschlangen. Berauscht von der Aura allumfassender Macht wollte er dem Freunden entgegentreten, nur um im nächsten Moment mit einem stummen Schrei zurückzuweichen. Brutal drang das Etwas in seinen Geist und verwob seine Gedanken und Empfindungen mit denen des Jägers. Wie eine langsam verlöschende Kerze schwand das Wesen Ada´ars und machte dem Neuen Platz, bis es nur noch wie ein kleiner Funke in der weiten Dunkelheit glimmte.

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Unbemerkt vom Schattenjäger hatte Fandorir, der Älteste der Halda, im dunklen Tunnel am Eingang der Höhle gestanden. Er war schon ein ganzes Menschenleben nicht mehr hier unten im Schoß der Erde gewesen und dennoch war ihm der Weg sehr vertraut. Als er den Jäger in der Mitte der Höhle am Feuer gesehen hatte, wollte er zunächst auf ihn zugehen, war dann aber wie von einer Wand zurückgeprallt. In dem riesigen Raum war eine Spannung spürbar, die fast mit den Händen zu greifen war. Gleichzeitig fühlte er etwas Fremdartiges, dass ihm große Angst einflößte. Über viele Generationen waren auch die Ältesten, unbemerkt von den grausamen Jägern, in die Höhle gekommen um ihren Geist mit den Vorfahren zu vereinen. Auch wenn dies nur einmal geschah, nämlich dann wenn der Vorgänger gestorbene war und sein Nachfolger an dessen Stelle trat, so konnte er sich noch genau an diesen Tag erinnern. Und damals war dieser Ort nicht so fremd gewesen.

Fandorir wusste, dass er eigentlich schnellstmöglich wieder an die Oberfläche zurückkehren sollte, war aber dann vom Anblick des Jägers in den Bann gezogen worden. Zuerst hatte die Luft um die Gestalt am Feuer angefangen zu vibrieren, dann hatte sich Dunkelheit in Wellen um den Mann herum ausgebreitet. Als der Jäger dann in seine Schattengestalt wechselte, hatte er sich gleich einer Wolke langsam in Luft erhoben und war immer höher in das unergründliche Nichts der Höhle geschwebt. Fandorir hatte für einen kurzen Moment gedacht, dass sich gewaltige schwarze Schwingen um die Gestalt erhoben hatten. Gleichzeit war aus den Tiefen der Erde ein dumpfes Grollen erklungen und der Boden und die Wände hatten begonnen zu zittern. Als die ersten Felsbrocken von der nicht sichtbaren Decke der Höhle stürzten, war der alte Mann ohne weiter nachzudenken zurück in den Tunnel und immer weiter nach oben geeilt.

So hatte er nicht mehr gesehen, wie sich lange Risse im Boden der Höhle bildeten, die mit jedem Erdstoß immer breiter wurden. Aus diesen Rissen entwichen dunkle Schwaden und füllten die Höhle mit tanzenden Schatten. Nach und nach wurde die Dunkelheit durch ein dämonisches Glühen verdrängt, dass tief aus dem Inneren der Erde an die Oberfläche drang. Die Stunde war nicht mehr fern, an der sich das Antlitz der Welt für immer verändern sollte …

[Kapitel 6] Auf schwarzen Schwingen

Die letzten Strahlen der tief stehenden Sonnen kämpften sich durch die aufziehenden Wolken und tiefe Schatten verdrängten das funkelnde Spiel des Lichtes auf dem Wasser. Egill stand nahe des Ufers auf einer kleinen Anhöhe und hatte einen wunderbaren Blick auf das Fjord. Wo noch vor wenigen Tagen eine lebendige Stadt gewesen war, erstreckte sich nun nur noch eine fast ruhige Wasserfläche. Der König hatte die Order gegeben, den lange für diesen Fall vorbereiteten Plan auszuführen, und so hatten sich die Schiffe wie in einem komplizierten Tanz voneinander gelöst und waren in Richtung des offenen Meeres gesegelt. An Bord waren diejenigen, die nicht mit in den Kampf gegen das drohende Unheil aus dem Norden ziehen konnten. Auf dem Wasser würden sie sicher gegen jeden Angriff sein und für den schlimmsten Fall hatten die Schiffsführer die Anweisung, mit der gesamten Flotte entlang der Küste zu segeln und eine neue, weit von hier entfernte Heimat zu suchen. Da aber in den letzten Monaten zu viele Menschen vor dem unsagbaren Schrecken der Dämonen nach Ruun geflohen waren, hatten nicht alle auf den Schiffen Platz gefunden. Und so schlängelten sich lange Reihen von Menschen, Tieren und Wagen auf unbefestigten Straßen und schmalen Pfaden in Richtung der das Fjord umgebenden Hochebene. Von dort hofften Sie entlang der Küste der drohenden Schlacht zu entkommen. Keiner aber wusste, welches Schicksal sie tatsächlich erwarten sollte.

Egill wandte sich vom Anblick des Fjordes ab und ging zurück an das Ufer, wo er das kleine Ruderboot festgemacht hatte. Mit kräftigen Schlägen trieb er das Gefährt an und steuerte es in Richtung des nachtschwarzen Schiffes. Noch immer wohnte er dort zusammen mit dieser seltsamen Person, von der er auch nach Tagen noch keinen Namen wusste. Nach dem sie ihm im Gewirr der aufbrechenden Schiffe bedeutet hatte mitzukommen, hatte er die verhüllte Gestalt kaum noch zu sehen bekommen. Die meiste Zeit hatte sie sich in der Kajüte eingeschlossen und oft drangen nur diese seltsamen, nur entfernt sprachähnlichen Laute an Egills Ohr. Da er das Gefühl hatte, auf diesem Totenschiff zu ersticken, versuchte er sich so oft wie möglich an Land aufzuhalten. Dennoch fragte er sich, was wohl in dieser Kabine vor sich ging und wer die Gestalt überhaupt war. Der König schien ihr ja als Berater zu vertrauen. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit endlich der Sache auf den Grund zu gehen. Er hoffte angesichts des aufkommenden Sturmes nur, dass ihm dafür auch noch genug Zeit blieb.

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Der Aufstieg durch die Dunkelheit war triumphal und berauschend zugleich. Zuerst langsam, dann immer schneller erhob sich das Wesen, dass einst Ada´ar gewesen war, im gewaltigen Felsendom unter dem Berg. Die Wände der großen Höhle liefen mit zunehmender Höhe immer mehr aufeinander zu und verengten sich schließlich zu einem Schlot, der sich in vielen Windungen in Richtung des Gipfels zog. Schon lange hatte er das rote Glühen hinter sich gelassen und flog in absoluter Dunkelheit zielstrebig immer weiter voran. Während des Aufstieges wurde sich das Wesen seiner neuen Kräfte bewusst und formte den Körper nach seinen Vorstellungen. Als schließlich ganz allmählich weit voraus ein fahles Licht wahrnehmbar wurde, war die Transformation abgeschlossen.

Aus dem unter Eis und Schnee verborgenen Zugang schoss ein großer Rabe, dessen Gefieder so schwarz war, dass es das wenige Tageslicht zu verschlucken schien. Einzig auf der Brust saß ein feuerrotes Mal in der Form eines fünfzackigen Sterns, dass wie von einem inneren Feuer erleuchtet wurde. Der Vogel breitete seinen gewaltigen Schwingen aus und ließ sich vom tobenden Sturm immer weiter in die Höhe tragen. Weit über der Welt und den Wolken war die Luft kalt und klar und das unendlich Zelt des Himmels wölbte sich in tiefer Dunkelheit über die Erde. Er wusste um die Welt hinter diesem Schwarz, schließlich war er lange genug dorthin verbannt gewesen. Aber diese Zeit war vorbei, jetzt würde er wieder seinen rechtmäßigen Platz in der diesseitigen Welt einnehmen. Er war Blashyrk, Meister der Dunkelheit und Heerführer der Schattenkrieger.

Er beendete den Steigflug, legte die Schwingen an und stürzte wieder gen Erde. Es wurde Zeit, endlich seine Armee um sich zu versammeln und Tod und Zerstörung zu seinen Feinden zu bringen.

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Abschätzend betrachtete der Seekönig sein Heer. In langen Kolonnen waren seine Krieger über die schmalen Pfade entlang der Steilwände in Richtung der nördlich des Fjordes gelegenen Ebene gezogen. Seiner Einschätzung nach würde er nur dort mit seinen Kämpfern Aussicht auf Erfolg in der Schlacht haben. Er wusste, dass die langen Jahre des Friedens seine Männer träge gemacht hatten. Bis auf kleinere Scharmützel mit Gesetzeslosen hatte es keine großen Kämpfe mehr gegeben. Viele hatten in der Zwischenzeit vergessen wie es war, einem Feind von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen und kannten nicht mehr den Geruch frisch vergossenen Blutes. Dennoch hoffte der Heerführer, dass das Training der vergangenen Monate ausreichen würde, um mit den Männern dem Ansturm der Feinde zu widerstehen. Schon als die ersten beunruhigenden Berichte über die Vorgänge im Norden zum ihm gekommen war, hatte er seine Heerführer angewiesen, die Truppen aufzustellen und soweit möglich wieder in Form zu bringen.

Der König wandte sich ab und ging zurück in sein Zelt. Auch wenn er nicht wusste was die Zukunft bringen mochte und wie sein persönliches Schicksal aussehen würde, so hatte er doch eine Verpflichtung gegenüber seinem Volk. Wenn er sich eines, hoffentlich fernen, Tages dem Urteil seiner Vorfahren stellen würde, so wollte er sich nicht vorwerfen lassen, nicht bis zum letzten Blutstropfen gekämpft zu haben. Doch vorher musste er noch eine Person aufsuchen, die wichtiger für den Ausgang der Schlacht war als alle seine Männer zusammen. Er versammelte seine Leibwache und verließ das Zelt.

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Für den Moment war das Gemurmel verstummt und Egill stand mit angehaltenem Atem vor der Kabine der verhüllten Gestalt. Langsam hob er die Hand und klopfte erst sacht, dann lauter an die Türe. Als von drinnen keine Reaktion erfolgte, fragte er sich, ob er wohl einfach eintreten konnte. Dann sagte er sich, dass ihn schließlich dieser Mann auf das Schiff geführt hatte und er nach der ganzen Zeit ein Anrecht auf ein paar Erklärungen hatte. Noch während er überlegte, wurde die Tür geöffnet und vor ihm stand – eine Frau. Sie war klein und zierlich und mit einem einfachen, dunkelgrauen Wollkleid bekleidet. Ihr braunes Haar hing in wirren Strähnen bis über die Schultern und rahmte ein schmales, blasses Gesicht ein. Am interessantesten aber waren die Augen. Egill hatte das Gefühl, als ob diese ständig ihre Farbe wechseln würden. Im einen Moment waren sie grün und im nächsten Augenblick schien sich die Farbe zu einem Blau hin zu verändern. Außerdem wirkten die Augen alt … uralt.

Noch bevor Egill etwas sagen konnte wandte sich die Frau wieder ab und ging zurück in die Kajüte. Unschlüssig stand Egill vor der offenen Türe und überlegte, ob er ihr einfach folgen sollte. Schließlich aber siegte die Neugier und so betrat er das kleine Zimmer. Die spärliche Einrichtung bestand im Wesentlichen aus einem schmalen Bett, einem Tisch mit zwei Stühlen und einem kleinen Waschtisch. Der Raum hatte keine Fenster und wurde nur von zwei flackernden Kerzen erhellt. Die Frau stand an der gegenüberliegenden Wand und betrachtete sich in einem kleinen Spiegel. Mit einer wortlosen Geste bedeutete sie Egill, sich auf einen der Stühle am Tisch zu setzen. Sie schien ganz offensichtlich noch auf etwas oder jemanden zu warten und Egill fragte sich, ob das ewige Warten wohl irgendwann ein Ende haben würde.

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Die Luft war erfüllt vom Kreischen unzähliger Raben, das sogar das Tosen des Sturmes übertönten. In einem nicht enden wollenden Tanz umkreisten tausende Leiber den Gipfel des höchsten Berges oder saßen auf jedem freien Fleckchen nackten Felsens. Und noch immer kamen neue Raben hinzu, die dem Ruf des Meisters folgten. Der große Rabe mit dem Mal auf der Brust saß inmitten dieses Wirbelsturms aus Vögeln und blickte mit Genugtung auf die sich sammelnde Streitmacht.

Über viele, viele Generationen waren die Seelen der Schattenjäger nach deren Tod nicht in das Nichts eingegangen sondern in Raben verwandelt worden, dazu bestimmt frei zu sein und auf die Wiederkehr des Einen zu warten. Dies war das letzte Geschenk gewesen, dass das Wesen seinen treuesten Anhängern vor der Verbannung in die Anderswelt gemacht hatte. Außerdem hatte er ihnen einen kleinen Teil seiner Macht eingehaucht, sodass sie sich in dunkle Schatten hüllen konnten und damit zum Schrecken aller Feinde seines  Volkes wurden. Sie hatten ihm über Generationen treue Dienste geleistet und die Halda vor dem Untergang bewahrt. Doch jetzt würden sie endlich ihrer eigentlichen Bestimmung dienen und unter seiner Führung die Feinde vernichten.

Als der große Rabe schließlich seine Schwingen öffnete und sich vom stetig wehenden Nordwind in die Luft tragen ließ, folgten ihm alle kleineren Raben wie auf ein Kommando. Gemeinsam formten die schwarzen Körper eine Einheit, die aus der Entfernung wie eine große, dunkle Wolke aussah. Und auch wenn sie das Meer aus dieser Entfernung nicht sehen konnten, so wussten sie doch genau wo ihr Ziel lag. Angeführt vom Einen wandte sich der Schwarm in Richtung Süden. Endlich gerieten die Dinge in Bewegung und sie würden blutige Rache für viele Jahrhunderte der Unterdrückung und Verbannung nehmen. Die Schattenkrieger zogen endlich in den Krieg.

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Mit einem leisen Aufschlag legte das Langboot an der dem Land zugewandten Seite des schwarzen Drachenbootes an. Eilig wurde ein kleine Holzleiter an die Schiffswand gestellt und ein Mann kletterte an Bord. Zielstrebig ging er auf die kleine Türe im Aufbau des Hecks zu, öffnete diese und stieg in die Dunkelheit herab. Auch unter Deck bewegte er sich trotz der Dunkelheit sicher und als er sein Ziel erreicht hatte trat er ohne zu Klopfen ein. Überrascht sah er, dass noch eine dritte Person anwesend war, mit der er nicht gerechnet hatte. Wenn er sich richtig erinnerte, dann war dies der Bauer aus dem Norden, der fast tot und mit dem Mal des dunklen Raben gezeichnet aufgefunden und nach Ruun gebracht worden war. Er nickte knapp und bedeutete der knienden Gestalt wieder aufzustehen. Für solchen höfischen Unsinn hatte er jetzt keine Zeit mehr.

Mit wenigen Schritten durchmaß er den kleinen Raum und trat auf die Frau zu. Prüfend sah er sie an. Seit dem er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch dünner und ihr Blick noch unsteter geworden. Er hatte das Gefühl, dass sich der Geist dieser Frau immer weiter von ihm entfernte. Sanft nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände und blickte ihr tief in die Augen. Er sah wie sich die Farbe wieder veränderte und dann war die Verbindung da. Zunächst erkannte er keine richtigen Bilder sondern empfing eher verstörende Gefühle und körperlose Gedanken. Wie Wellen von Angst gingen diese von der Frau aus und zerrten am Innersten des Mannes. Doch nichts bereitete ihn auf das Bild vor, dass er dann sah. Kurz konnte er nicht erfassen, was ihm hier gezeigt wurde, doch dann verstand er die volle Bedeutung. Entsetzt löste er wie im Traum die Hände vom Gesicht der Frau und brach zusammen.

Egill hatte während der ganzen Zeit stumm in einer Ecke des Raumes gestanden. Er war fast vom Stuhl gefallen, als sich plötzlich die Tür der Kabine öffnete und der König eintrat. Verwirrt war er niedergekniet, hatte sich dann aber auf das Zeichen des Königs hin wieder erhoben und war zurück in die Ecke gewichen. Er verstand absolut nicht, was hier vor sich ging. So wie der König die Frau behandelte war deutlich zu sehen, dass diese mehr als nur ein Berater sein musste. Aber was hatte ein König mit einer geistig verwirrten Frau zu tun? Als der Mann schließlich die Hände an den Kopf der Frau legte und einige Sekunden vergangen waren veränderte sich plötzlich alles. Egill schien es, als ob die Schatten in dem Raum von hellen Sonnenstrahlen verdrängt wurden und ein frischer Wind sanft durch die Kabine strich. Und dann spürte er, wie eine Präsenz zu ihnen kam und durch die Frau wortlos zum König zu sprechen schien. Egill sah, wie sich das Licht zusammenzog und einen glühenden Ball um das ungleiche Paar bildete. Und plötzlich war es vorbei und das Licht verschwand. In der neue entstandenen Dunkelheit konnte Egill zunächst nicht sehen und hörte nur, wie etwas schwer zu Boden fiel. Als sich seine Augen wieder an das schummrige Licht gewöhnte hatte, sah er die Gestalt des Königs, die zu Füßen der Frau lag. Ohne viel nachzudenken stürzte Egill zu seinem König und hob sein Ohr ganz nah an den Mund des Königs. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass der König atmete und wohl nur ohnmächtig geworden war. Hilfesuchend wandte er sich zu der Frau um, auch wenn er nicht genau wusste, wie diese ihm helfen konnte. Überrascht stellte er fest, dass sie nahe neben ihn getreten war und ebenfalls nach dem König geschaut hatte. Nun fasste sie Egill am Arm und zog ihn langsam auf die Beine. Noch während er aufstand drehte die Frau mit der noch freien Hand seinen Kopf sanft in ihre Richtung und sah ihn mit ihren seltsamen Augen an. Auch wenn er gewollt hätte, wäre es ihm nicht mehr möglich gewesen diesem intensiven Blick auszuweichen. Als er sah wie sich die Pupillen wieder veränderten hatte er das Gefühl, in einen unendlich tiefen Brunnen zu schauen. Zunächst war alles Dunkel, dann aber kam ein strahlendes Licht, das seinen Geist erfüllte und alles Dunkel vertrieb. Schließlich verließ er seinen Körper und ging auf eine lange Reise, die Äonen umspannen sollte.

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** Fortsetzung folgt … **

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